Text der Sequenz «Il cinese», Alessandro Vaia ...

NB: Gewöhnlicher Text: montiert aus der Autobiographie Alessandro Vaias: Da galeotto a generale (Vom Häftling zum General), gesprochen von Nando Sciarrone. Kursiv: Originalton des Films.

Unter den vielen Erlebnissen in meinem Leben nimmt, was ich erzählen will, eine besondere Stellung ein, und beim Erzählen kommt es mir manchmal wie ein Traum vor.

Es handelt sich nicht um außergewöhnliche Aktionen oder Taten, zu denen es eines besonderen Muts bedurft hätte – nein: es ist eine ganz einfache Geschichte, die man auch in ein paar Worte fassen könnte: von Frankreich im obern Savoyen über die Grenze in die Schweiz; von der Schweiz über die Tessiner Grenze nach Italien. Das ist alles. Aber für diese Reise brauchte ich mehr als zwei Monate!

Es war im Dezember 1945. Zusammen mit meinem Genossen Cesare Marcucci nahm ich den Zug nach Annemasse, einem Städtchen an der französischen Grenze zu Genf. Die Züge in der Grenzregion waren von der SS streng überwacht, und ganz besonders Annemasse, denn in den nahen Bergen operierten starke Partisanenkräfte.

»Dies ist die Bar, und hier waren wir mit einem französischen Genossen vereinbart, mit einem Erkennungszeichen und einem Paßwort. Der Genosse sagte uns, daß wir ruhig hier warten sollten, und so haben wir gewartet. Die Zeit verging, eine Stunde, zwei Stunden; hier gingen SS-Polizisten auf und ab, und langsam wurden wir unruhig, denn wir waren uns von Italien her an strengste Sicherheitsvorkehren gewohnt.«

Als uns dann die Zuständigen holen kamen, brachten sie uns auf den Dachboden eines Hauses, wo ein von der Polizei streng überwachter Genosse wohnte. Sie sagten uns das, als ob es die größte Selbstverständlichkeit wäre.

Sie erklärten uns, wie unser Grenzübertritt vonstatten gehen sollte, und als es dunkel wurde, brachten sie uns zum Bahnhof, jenseits der Geleise, wo wir uns in einer Senke in den Feldern versteckten, und wir warteten auf die Abfahrt des Postzugs, der uns von Annemasse nach Genf bringen sollte.

»Als sich die Lokomotive in Bewegung setzte und einige Stöße Dampf abgegeben hatte, sprangen wir aus unserem Versteck hervor und rannten über die Geleise zur Lokomotive – aber genau in dem Moment flammten helle Lichter auf, und wir erschraken: wir meinten, jetzt entdeckt worden zu sein.«

Bei diesen Lichtern gibt es kein Entrinnen! Wir springen trotzdem aus unserem Loch heraus, wie aus einem Schützengraben, wenn man genau weiß, daß der Feind mit dem Maschinengewehr auf einen wartet. Wir rennen gebeugt, nur einen kleine Tasche unterm Arm, unserem ganzen Gepäck; wir nähern uns der Lokomotive, und schon ziehen uns zwei starke Arme hoch und werfen uns auf den Kohlehaufen. Wir werden mit Kohle zugedeckt und los geht die Fahrt.

An der Grenze Durchsuchung durch die Deutschen und die Schweizer Grenzpolizei. Unter der Kohle suchen sie nicht. Ein Pfiff, und es geht weiter. Und als wir unter der Kohle hervorkriechen, lachen uns die Eisenbahner an: es freut sie, die Boches (1)  wieder einmal reingelegt zu haben. Und dafür haben sie ihr Leben riskiert. Das sind Männer, die etwas taugen und nicht nur den Helden spielen wollen.

»Dort jenseits dieser Brücke hießen uns die Eisenbahner aussteigen. Es gab dort eine Rampe und wir rollten uns ab und liefen, wie sie uns gesagt hatten, zum Bahnwärterhaus. Wir kamen zu diesem Häuschen und trafen dort ein Mädchen an, die Tochter jenes Bahnwärters, der alle Leute in Empfang nahm, die wie wir von Frankreich in die Schweiz flüchteten.
Sie schaute uns mit verdutztem Gesicht an und fragte uns, wie wir denn hierhergekommen seien. Denn normalerweise war diese Brücke von Grenzwächtern bewacht und – zu unserem großen Glück – war diesmal zufällig niemand da.
Das Mädchen ging den Vater benachrichtigen, der im andern Bahnwärterhaus war, zu dem wir hätten gehen sollen. Und bereitete uns inzwischen etwas Milch. Wir hatten während Jahren keine Milch getrunken, und diese Milch kam uns damals ganz außergewöhnlich vor, ich werde das nie vergessen können.«

Dank diesem Bahnwärter sind wir sicher nach Genf gelangt. Wir waren Gast in einem Haus, das uns, da wir an Baracken und Zellen gewöhnt waren, prächtig vorkam. Und ich schlief einen tiefen Schlaf, ohne Angst vor Bombardements oder Polizeirazzien.

»Von Genf aus, wo wir bei einem jungen Intellektuellen gewohnt hatten – er hatte jedenfalls viele Bücher im Haus, nahmen wir ganz einfach den Zug und fuhren nach Locarno.«

In Locarno wurden wir erst in einer Pension untergebracht, um auf die Papiere zu warten. Das Warten zog sich länger hin, als nach der pessimissischste Prognose zu erwarten war.

Es vergingen Tage und Wochen, und meine Proteste fruchteten nichts. Ich verbrachte die Zeit mit Lesen, ging nur abends aus, und hütete mich vor der Polizei.

Aber auch hier hatte ich Freunde. Ich lernte einen alten Genossen kennen, ein Emigrant seit den ersten Jahren des Faschismus: Gentina, sympathisch, großzügig, es kannte ihn jedermann.(2)

Und in Locarno wohnte auch eine der vielen Patinnen, die uns im Lager Vernet geholfen hatten: sie hieß Maria Antognini (3) Ich konnte mich ihr aus konspirativen Gründen nicht nähern, wußte aber, daß sie ihre unermüdliche Hilfstätigkeit für die Genossen in den Konzentrationslagern fortsetzte.

Nach drei Wochen wurde ich nach Melide gebracht zum Genossen Bianchi, einem kleinen Händler, der sein felsiges Grundstück am Berghang hinterm Haus in einen Obstgarten verwandeln wollte. Zum Teil war es ihm auch schon gelungen.

»Wir sind hier im Garten des Felice Bianchi; man sieht noch einige der Obstbäumchen, die er gepflanzt hat. Hier bin ich eine ziemlich lange Zeit gewesen: immer ungeduldig, vor mir die Berge, hinter denen Italien liegt – ungeduldig, endlich meinen Kampfposten einnehmen zu können.«

Endlich kamen die Dokumente und man beschloß, daß ich die Grenze mit zwei Genossen überqueren solle, zwei Schmugglern und Partisanen, die Medikamente nach Italien brachten.

»Mit Hilfe eines Partisanen, der den Decknamen ›Baffetti‹ trug, (4) haben wir uns sofort auf den Weg Richtung Grenze gemacht. Er war ortskundig, doch als wir zum Grenzübergang kamen, standen da die Grenzposten. Sie haben uns verhaftet, wir sollten eine Buße bezahlen... und vor kurzem ist das Dokument wieder aufgetaucht, die Strafverfügung, aus dem hervorgeht, daß Gentina einen Teil der Bußen bezahlt hat.«

Wir konnten sie nicht überzeugen, uns nach Italien ziehen zu lassen. ›Wir sind Antifaschisten, Partisanen, wir wollen doch nur nach Italien zurückgehen – warum halten Sie uns fest, um uns dann auszuweisen?‹ Es war nichts zu machen: Gesetz ist Gesetz.

Doch nicht allein daß sie uns nur ins Gefängnis geworfen haben – sie wollten auch unbedingt wissen, woher wir gekommen waren und wer uns geholfen hatte. Ja, sie hatten die Stirn, die Medikamente zu beschlagnahmen, die wir bei uns trugen – Medikamente, die für die Partisanen bestimmt waren, die doch auf für ihre Freiheit kämpften.

Nach etwa 14 Tagen im Locarneser Gefängnis, zusammen mit vielen italienischen Schmugglern – es war dies meine erste Begegnung mit dem neuen Italien –, wollten die Schweizer mich allein an die Grenze stellen. Das hätte für mich bedeutet, in die Hände der Faschisten zu fallen. Ich weigerte mich und konnte erreichen, daß ich zusammen mit den Schmugglern gehen konnte, unter denen auch die beiden Begleiter meines ersten Übergangsversuches waren.

Die Grenzwächter brachten uns ins Grenzgebirge und ließen uns erst auf großer Höhe im tiefen Schnee allein weitergehen. Die Schmuggler, alle jung und in den Bergen aufgewachsen, schlugen einen so raschen Schritt an, daß ich nur mit größter Mühe mithalten konnte. Es waren Jahre vergangen, seit ich in den spanischen Bergen gekämpft hatte, und die Entbehrungen des Konzentrationslagers hatten mich geschwächt.

Die Genossen drängten mich, schneller zu gehen; denn wir mußten die Schneezone verlassen, bevor es Nacht wurde. Wir gingen über Stunden, bis ich aus der Ferne das Ossolatal erblickte, das erste Stück italienischen Boden, das ich nach zehn Jahren Exil wiedersah.

Es war im März 1944.


Anmerkungen

(1) verächtlich für: Deutsche.[zurück]

(2) Carlo Gentina, Bärcker in Muralto. Siehe später die Sequenz »Panetteria Gentina, Muralto«  [zurück]

(3) Die Schwester der später im Film auftretenden Gabriella Antognini (»La mamma dei partigiani«).[zurück]

(4) Schnurrbart [zurück]

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