Duisburger Filmwoche 2001

Diskussionsprotokoll 20 - Bitterfeld, 1992

Freitag, 9. November 2001, 10.00 Uhr

Mit Anmerkungen von M.K. – Dieses Protokoll kann als gezippte Textdatei (4 kB) heruntergeladen werden.
Quelle: http://www.protokult.de/prot/BITTERFELD%20-%20Matthias%20Knauer%20-%202001.pdf 


Podium: 
Mathias Knauer (Regie)
Rainer Vowe (Historiker und Filmwissenschaftler)
Werner Ruzicka (Moderation)

Was hat der Regisseur über die Entstehungsgeschichte dieses Films zu sagen? Polemik, Traktat? Die Bilder zeigen Bitterfeld im Jahre 1992, fertiggestellt worden ist der Film erst 2001. Recht kompliziert, hebt Knauer all, und beginnt von der schweren Geburt und dem Scheitern des ersten Anlaufs zu erzählen. Das ursprünglich geplante Projekt - ein Bericht über das Zentrum der DDR-Chemiewirtschaft, über die Leute aus Bitterfeld und Wolfen im Strudel der strukturellen Anpassung und über die Praktika von Führungsleuten des aufgelösten Chemiekombinats in Schweizer Betrieben (siehe Katalogtext) - führte zu einer Unmenge an Material,[1] das aber, aus akutem Geldmangel [2] und wegen Enttäuschung über die dort eingefangene, depressive Stimmung (das Gegenteil wäre gerne gezeigt worden) erst einmal einige Jahre zum Liegen kam. Die Distanz hat nun einen anderen Film daraus gemacht, kein Bericht mehr, wie ursprünglich geplant - über die alten Bilder hat sich als zweite Stimme ein kommentierender Text gelegt. [3]

Rainer Vowe nimmt zu seiner Lesart des Films Stellung. Dieser hat ihm zwar keine Fragen gestellt, konnte aber durchaus welche bei ihm auslösen.

  1. Zum Verhältnis von Begriff und Realität: Wie kann man das benennen, was mit der DDR passiert ist? Eine Implosion, eine friedliche Revolution mit gewaltsamen Folgen, Annexion, Wiedervereinigung, Durchbruch einer überlegeneren Marktwirtschaft? Im Film heißt es, die DDR sei in ein Kolonialverhältnis eingetreten. Gegen diese Interpretation spricht u.a. das Fehlen eines sich wehrenden Kolonialkörpers. Es ist kein Widerstand zu sehen, in einem Film, der sich dem Widerstand verpflichtet fühlt. Hier wird überspitzt, umgedeutet, Sprache als Waffe eingesetzt. Der Film folgt einer kritischen Tradition, die im filmischen Bereich nicht gerade dominiert. 
  2. Zum Verhältnis von Bild und Realität: Die Bilder haben auch nach zehn Jahren noch Bestand, sie können zur Überprüfung dienen, bei der Auseinandersetzung mit der Frage, was mit der DDR nun eigentlich genau passiert ist.

Ruzicka verweist auf die zeitliche Entrücktheit des Films, dessen polemische Rhetorik, die sich nicht eingliedert in einen jetzigen Diskurs. Woraufhin Thomas Rothschild (Publikum) genau dies als eine Qualität des Films heraushebt. Die Provokation des Films ginge vom Kommentar aus, nicht von seinen Bildern. Er zwingt uns, eine Differenz zum üblichen Sprachgebrauch zu denken. Immer würde der Begriff "Polemik" verwendet, wenn etwas nicht stimmt, dabei sei die Rhetorik im Film an sich nicht "falsch", nur eben politisch inkorrekt in Bezug auf eine konventionalisierte Sprache. Implizit betreibe der Film Sprachkritik.

Insgesamt hätte man sich mehr Distanz zur eigenen Perspektive gewünscht, bemerkt jemand aus dem Publikum. Der Film mische Subjektivität und auktoriale Erzählweise auf eine fast unfreiwillig parodistische Art und Weise. Vermißt wird der Raum für andere Stimmen. Knauers Antwort: Er habe einen radikal subjektiven Text gemacht, nachdem der ursprünglich geplante Dokumentarfilm nicht mehr möglich gewesen wäre. Aus dem Publikum: Durch seine Überwältigungsrhetorik bewirke er eine Ablehnung, die ungewollt auch seinen Inhalt trifft. Ein heutiges Publikum wird von dieser autoritären Geschlossenheit verschreckt. Darauf ein interessanter Hinweis von Vowe: Offensichtlich sei aber niemand hier darauf hereingefallen. Der Film bleibt kritisierbar.

Die Schwierigkeit liegt für Vowe woanders. Wie sind ökonomische Vorgänge überhaupt zu visualisieren? Die Bilder zeigen Stillstand, den Prozeß einer Mortifikation. Aber der Text muß die Lücken füllen, die bei der Visualisierung abstrakter Begriffe oder komplexer ökonomischer Prozesse immer entstehen. Für Rothschild stellt sich diese Frage allgemein: Wie geht der Dokumentarfilm mit abstrakten, politischen Verhältnissen um? »Black Box« wählt die Individualisierung. »Bitterfeld« dagegen, unter Ausblendung anderer Stimmen, den Kommentar. Die Rolle der Treuhand wäre auf einer bildlichen Ebene nicht darstellbar gewesen. Eine Sequenz im Film aber, so Vowe, argumentiere durchaus filmisch, da bekomme der imperialistische Gestus sein Anschauungsmaterial: "Einkaufsland", "Videoland", "Babyland", usw.

Der Filmemacher hat seinen Interviewpartnern das Wort abgedreht. Fällt er ihnen in den Rücken, wenn er auf der Textebene ihre Haltung kritisiert? Als Dokumentarfilmer, beschwert sich jemand aus dem Publikum, habe er nicht nur die Verpflichtung, sich mit den Leuten auseinanderzusetzen, sondern auch, diese Auseinandersetzung im Film transparent zu machen. In dieser Form wäre es Diffamierung. Dem Zuschauer wird die Gelegenheit vorenthalten, sein eigenes Urteil zu fällen. Die Leute hätten sich nicht verraten gefühlt, meint dazu Knauer, sie sähen sich sogar richtig dargestellt. Außerdem kommt der Kommentar erst nachdem der Film die Leute schon verlassen hat, so käme es zu keiner Bloßstellung, findet der Filmemacher (ganz wohl habe er sich dabei aber auch nicht gefühlt).

Als weiteren Punkt wurde die Unvollständigkeit in der Informationsverteilung diskutiert (am Beispiel der Umweltverschmutzung in Bitterfeld). Der Film biete eine Fülle an Behauptungen, so ein Zuschauer, ohne diese wirklich nachvollziehbar zu machen. Ob für eine Gegenöffentlichkeit diese Art von Eindeutigkeit (Einseitigkeit) wirklich notwendig sei, wird gefragt. Beim Zuschauer bewirke dieser offensichtliche Ausschluß von Informationen und Zusammenhängen eine Ratlosigkeit oder sogar Ablehnung, die doch nicht im Sinne des Films sein könne. Der Regisseur beharrt auf der notwendigen Unvollständigkeit jedes Films. Unterstützt von Rothschild, der ein wenig differenzierter darauf aufmerksam macht, daß die Umweltverschmutzung in Bitterfeld doch allen durch die Medien schon mehr als genug gegenwärtig sei. Ein Gegenbeitrag zum öffentlichen Diskurs müsse nun wirklich nicht noch einmal alles von vorne abhandeln.

Auf überzeugende Momente im Film wurde verwiesen. So habe er außerhalb der Darstellung von Mortifikation die perfide Struktur zeigen können, die wirksam wird, wenn die Leute sich ihre eigenen Arbeitsplätze wegkaufen. Arbeitslos durch Konsum. Auch wurde als Stärke des Films gesehen, daß er an manchen Stellen seine Schwierigkeiten, sein eigenes Scheitern, vorzuführen verstehe.

Der Film sei ein Essay, kommt aus dem Publikum die kompetente Analyse. Und zwar nicht in der französischen Tradition (die den Zweifel kennt), sondern in der englischen: Eine komprimierte Form, eher Traktat, geschrieben, um weitere Polemiken auszulösen. Für die Problematisierung ökonomischer Zusammenhänge, wäre diese Form am ehesten geeignet. Allerdings sei in diesem Film eine Unsicherheit der Position zu spüren; erklärt wird dies aus der Zeitschere, die zwischen dem ersten Impuls der Bilder und dem Kommentar liege. Geschichtsschreibung aus der Ferne, eine Verschiebung habe stattgefunden, die spürbar bleibe.

Insgesamt, so die Konklusion, ein Film, der die Frage nach den Möglichkeiten des politischen Films mit weiteren Perspektiven ergänzen konnte.

Iona Kästner


Anmerkungen von MK. 
1 unzutreffend: ich sprach von vielen Stunden Gesprächen mit Leuten [zurück]
2 hier hat die Protokollführerin etwas mißverstanden: ich brach die Dreharbeiten ab, weil ich nicht warten konnte, bis wir endlich die Bilder in den noch funktionierenden Betrieben drehen konnten. [zurück]
3 Ich habe in der Diskussion deutlich gemacht, daß es nicht ein Kommentar, sondern ein Text ist, der bisweilen kommentiert, manchmal Legende ist, über weite Strecke aber eine eigene Stimme (im musikalischen Sinne), die manchmal vom Bild kommentiert wird. [zurück]