Bitterfeld, 1992

Schweiz 2001, 16mm Farbe und s/w, 25B/s, 112 Min, comopt.
Kamera: Rob Gnant. Ton: Andreas Litmanowitsch, Patric Stanislawski, Sprecher: Michael Mrakitsch.

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Verleih/Kassettenverkauf: attacca Filmproduktion Zürich, E-Mail: attacca.web@bluewin.ch 

Der Film führt ins Zentrum der DDR-Chemiewirtschaft, wo 1992 die meisten ihre Arbeit verloren haben. Was wir filmten, ist unterdessen Geschichte – zum Beispiel die ORWO-Filmfabrik, die eine Perspektive hatte, aber von der Treuhandgesellschaft liquidiert worden ist. Doch der Betrachterstandpunkt hat sich bewährt: unser Film ist kaum mehr dissident wie beim Drehen, wenn er den epochalen Umbau unter dem Regime Kohl kritisch beleuchtet und die Täter beim Namen nennt. 
Aus dem geplanten Bericht über Praktika von Führungsleuten des aufgelösten Chemiekombinats in Schweizer Betrieben, über die Erfahrungen der Leute aus Wolfen und Bitterfeld mit dem neuen Wirtschaftsgeist, ist eine Reflexion und ein polemischer Essay rund um den Beitritt der DDR zur BRD geworden.

> Le film nous amène au cœur de l’industrie chimique de la RDA, où la plupart des travailleurs ont perdu leur emploi. Ce que nous avons filmé est aujourd’hui entré dans les livres d’histoire – par exemple le sort de la fabrique de matériel cinématographique ORWO, qui avait un avenir mais a été condamnée par les liquidateurs de la «Treuhand». Le point de vue de l’observateur a subi avec succès l’épreuve du temps: notre film n’est guère plus dissident qu’au moment du tournage, lorsqu’il projetait un éclairage critique sur les bouleversements du siècle entrepris sous le règne de Kohl et désignait nommément les responsables. 
Le reportage originel sur les pratiques des dirigeants du combinat chimique dissous dans des entreprises suisses, sur la vie de la population de Wolfen et de Bitterfeld aux prises avec le nouvel état d’esprit économique, est devenu une réflexion et un essai polémique sur l’entrée de la RDA dans la RFA.

> The film takes us to the heart of the chemical industry of the former German Democratic Republic (GDR), in 1992 when most of those in the industry had already lost their jobs. The events recorded are now part of history. The ORWO film factory for example, which still had a future, was nonetheless liquidated by the supervisory trust company. The film's viewpoint proves to be the correct one: gone is the dissidence that existed at the time of shooting, when the film attempted to shed a critical light on the reconstruction process under the regime of Chancellor Kohl, giving the names of the parties responsible. 
From the planned report on industrial training of managers of the closed down chemical combine in Swiss firms, to the experiences which the people of Wolfen and Bitterfeld had made with the new “market economy” spirit. The film has become both a reflection and a provocative essay on the process of the GDR's absorption into the Federal Republic of Germany (BRD).

Festivals: Solothurn 2001, Nyon 2001, München 2001, Duisburg 2001 (s. Protokoll der Diskussion)


Presseheft (als PDF)

Textliste als PDF-Datei (256 kB)  – Diskussion Duisburger Filmwoche: Protokoll 

Auszüge aus Pressestimmen über »Bitterfeld, 1992«: 8 Seiten, RTF (zip, 12 kB),  PDF-Datei (33 kB),
Alle Pressestimmen (vollständige Texte, die den Film erwähnen): 24 Seiten, RTF-zip (45 kB); RTF (122 kB) 
Über »Bitterfeld, 1992« in Google


Aus Pressestimmen (Solothurner Filmtage)

»Der Standort Solothurn, nicht Großstadt, sondern überschaubar, aber auch kein Kulturghetto, ist ideal. Vieles ist eingespielt, aber stagnierend überleben kann kein Ziel sein. Die Diskussion um die Erhöhung des eidgenössischen Filmkredits um ein Mehrfaches der bisherigen 11,5 Millionen, um den so genannten Quantensprung, wird die Zukunft insbesondere der Filmtage berücksichtigen müssen. Es wäre nicht nur über die Höhe der Filmförderung, sondern auch über Ziele und Inhalte zu reden. Mathias Knauer hat, mit Kameramann Rob Gnant, seinen jetzt uraufgeführten langen Film «Bitterfeld 1992» vor über neun Jahren angefangen. Damals war die Industrielandschaft, eine der intensivsten der DDR, im Umbruch. Noch war nicht alles von der Treuhand verschachert oder liquidiert worden. TV DRS lehnte eine Beteiligung ab. Wenig Mittel also, auch die Situation in Bitterfeld veränderte sich schnell und drastisch. So ist es ein Film über Stilllegung von Produktionsstätten, über Arbeitslosigkeit, über die Macht der Stärkeren, die aus dem Westen kamen, geworden. Rückblick durch acht Jahre hindurch, ein bitteres sarkastisches Requiem, übervoll, Fakten, Zahlen. Nur ein Teil kann im Vorübergehen der Bilder haften bleiben. Die Bilder aber sprechen ihre eigene starke Sprache.« (Verena Zimmermann, Der Landbote, 26.1.01)

»Die öffentlichen, oft nicht allzu beschwingten Filmdiskussionen aber hat man vorerst aufgegeben. Mathias Knauer, dessen «Bitterfeld 1992» polarisiert hat, sieht dies als Rückzug und politische Resignation. Politisch wird tatsächlich kaum noch argumentiert. Eine der Podiumsdiskussionen unter dem Titel «Homestories» fragte, wie Spielfilme aus der Schweiz auf dem Markt im In- und Ausland ihre Chancen verbessern könnten.« (Verena Zimmermann, Der Landbote, 5.2.01)

Frankfurter Rundschau, 13.11.2001, Thomas Rothschild

[...] Bevorzugter Gegenstand des Dokumentarfilms bleibt der Mensch. Wie aber lassen sich über individuelle Schicksale abstrakte, immer schwerer zu durchschauende Kräfte und Mechanismen – aktuell etwa der Zusammenhang von Terrorismus und Globalisierung – vermitteln? Vor dieser Aufgabe resignieren viele Dokumentaristen. Die meisten vertrauen auf die Überzeugungskraft des Sichtbaren. So etwa, in spartanischer Schlichtheit, Thomas Heise mit zwei Filmen, die er Mitte der achtziger Jahre in Ost-Berlin gedreht hat, aber damals weder fertig stellen noch vorführen konnte. So deprimierend die darin gezeigten Zustände dem Zuschauer von heute scheinen mögen: deren anheimelnde Schäbigkeit kann doch, wenn man sich nur Mühe gibt, verständlich machen, warum Menschen, die in der DDR aufwuchsen, sich nicht von westlicher Arroganz nehmen lassen wollen, woraus ihre Geschichte und damit ihre Identität besteht. Explizit spricht das, in einer ungewohnt kämpferischen Diktion, der Schweizer Mathias Knauer in Bitterfeld, 1992 aus. 

Aus der »Neuen Zürcher Zeitung« vom 26.1.2001:

[...] Bereits die ungewöhnlich langen einleitenden Worte Mathias Knauers liessen aufhorchen. Verblüfft vernahmen wir da, dass es unter dem Diktat des «globalen Marktfaschismus kein Asyl mehr für die Künste» gebe, und ganz offensichtlich war die Schweiz samt Solothurner Filmtagen mitgemeint, die einst «ein Ort der Begegnung von Suchenden» gewesen sei. Das war, wie sich zeigen sollte, die angemessene Einstimmung auf den Film «Bitterfeld, 1992». 

Ort des Geschehens ist das Zentrum der einstigen DDR-Chemiewirtschaft, das Jahr, in dem die Aufnahmen entstanden, 1992. Und so tönt's: Auf den «Anschluss› an den Westblock», auf die «Zwangsprivatisierung» des «Volkseigentums» ist das «aggressive Indoktrinationsgeschäft des Kapitals» gefolgt, bei dem die «‹angeschlossenen› Republikaner das Schuldenmachen lernen sollten», Opfer der «Westpropaganda» im «schwarz-gelben Kolonialjargon», verbreitet über das «Westfernsehen» (mit dem stets das heutige deutsche Nachwende-Fernsehen gemeint ist) usw. Zur vorbehaltlosen Übernahme des SED-Jargons passt, dass etwa von der verbrecherischen Aneignung jüdischen Besitzes durch die Nazis als von der «‹Abwicklung› jüdischer Häuser durch die Faschisten» die Rede ist. Zwar distanziert sich der Kommentar einmal kurz von der Parteilinie, wenn er deren Wirtschaftspolitik Versagen vorwirft – um umso uneingeschränkter das Hohelied auf den Bitterfeld'schen Unternehmergeist singen zu können. Dessen rücksichtslose Umweltverseuchung? Ausgeburten der Westpropaganda! Und zu (stummem) Filmmaterial aus den fünfziger Jahren hat der Kommentar die «Aufbaurhetorik» der Einheitspartei wieder voll und ganz übernommen. – Grotesk mutet an, wie er sich weigert, die historische Distanz der vergangenen acht Jahre anzuerkennen beziehungsweise zu reflektieren.

Es genügt nicht, wie Knauer das tut, den auch formal unebenen Film als «polemischen Essay» zu bezeichnen. Es wäre ja tatsächlich nicht uninteressant gewesen, Konkretes über windige Geschäftemacherei bei der «Abwicklung» von DDR- Firmen zu erfahren. Aber anstatt sich auf die Tugenden des Dokumentaristen zu besinnen, bleibt der 1942 geborene Filmemacher, dem wir doch einige sehenswerte Arbeiten verdanken, bei Andeutungen und verfällt einer Art Verfolgungswahn – im Gegensatz zu den paar Leuten, die sich vor der Kamera äussern. Diese Männer und Frauen reden zum Teil etwas wehmütig, jedoch meist differenziert und jedenfalls unideologisch. -- (NZZ, Christoph Egger)

Programmbuch des Dokumentarfilmfestivals Nyon 2001:

Bitterfeld, 1992 est un pamphlet en 23 séquences, qui détaille la descente aux enfers capitalistes de l’ex-RDA. Le territoire pris à témoin des effets de la réunification d’après la chute du Mur de Berlin en 1989 est situé au nord de Leipzig et au sud-ouest de Berlin. Cette vaste région industrielle connaît au début des années 90 de graves problèmes économiques. Paysages industriels en friche et leurs fascinantes machines à l’abandon fondent le procès sans appel du libéralisme triomphant. Certes, villes et villages sont rénovés, les façades peintes de frais, l’économie de marché installe ses réseaux de consommation, mais la réalité est faite de démembrements et de fermetures d’entreprises. C’est le commentaire qui est dans Bitterfeld, 1992 le personnage principal. Il donne aux images leurs légendes et décrypte les signes extérieurs des changements en cours. La voix sait et dit l’urgente dénonciation des méfaits du capitalisme en marche. Cette démarche radicale fait l’impasse sur les problèmes engendrés par le mode de développement de la RDA, ses pollutions considérables, son patrimoine architectural à l’abandon, les libertés individuelles bafouées, un appareil d’Etat sclérosé. Paradoxalement, l’érudition de l’analyse économique et idéologique de Mathias Knauer a pour pendant la simplification obtuse de sa vision historique. Son film est passionnant et irritant. Bitterfeld, 1992 est d’une parfaite incorrection politique. (Jean Perret)